„Bitte hilf mir, Ana!“ – Pias Leben mit Magersucht

Ein Leben, das von Body-Mass-Index und Kalorientabellen bestimmt ist.

Ich habe Tränen in den Augen. Mein Hals tut weh. Es ist ein richtiges Brennen! Der Druck in meinem Magen lässt langsam nach. Ich fühle mich leer. Jetzt fühle ich mich wieder gut. Automatisch greife ich nach einem Taschentuch. Es liegt in unmittelbarer Nähe. Es ist immer dasselbe. Immer derselbe Vorgang. Ich tupfe meinen Mund ab und öffne das Fenster. Hoffentlich hat es niemand bemerkt! Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht, schließe die Tür auf und lächle … Zeilen aus dem Tagebuch einer jungen Frau, die sich aufgegeben hat, um einer Idealvorstellung zu folgen.

Pia ist eine junge Frau, hübsch, intelligent, strebsam und dünn – viel zu dünn. Bei einem Blick in ihre Augen sieht man nichts als Leere. Dabei wurde sie ihr Leben lang für ihren Frohsinn und ihre Sympathie bewundert, meint ihre Schwester. Was muss passieren, dass sich ein Mensch solch einer Qual unterwirft und alles aufs Spiel setzt? „Ich weiß gar nicht, wie das passieren konnte“, sagt Pia mit zittriger Stimme und bei jedem Wort merkt man ihr den inneren Kampf an. Plötzlich knurrt ihr Magen. Wahrscheinlich hat sie heute schon wieder nichts gegessen. Schutzsuchend legt sie ihre Arme vor den Bauch, dabei verrutscht der linke Ärmel ihres Pullovers und es kommen Kratzspuren auf ihren Armen zum Vorschein. „Manchmal bin ich nervös. Oder ich muss mich selbst bestrafen“. Es sind keine Kratzspuren, die sie sich mit ihren Fingernägeln zugefügt hat, gesteht Pia. Sie sucht sich eine Gabel, einen Schlüssel oder ähnlich spitze Gegenstände und fährt sich damit langsam über ihre fahle, dünne Haut. So merkt sie, dass sie noch etwas spürt – zumindest Schmerz, denn Gefühle wie Freude, Trauer oder Spaß kennt sie nicht mehr. Sie hat vergessen, wie es sich anfühlt aus tiefstem Herzen zu lachen. Beschämt rückt sie ihren Ärmel wieder zurecht.

Wenig ist nicht wenig genug

Magersucht Apfel
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Magersucht ist eine komplexe Krankheit und die Ursachen sind vielfältig und individuell unterschiedlich. Häufig spielt mangelndes Selbstbewusstsein eine große Rolle, so auch bei Pia. Als sie in die Pubertät kam, begannen die Vergleiche mit anderen Mädchen ihres Alters. Pia empfand sich als dick und unattraktiv, also beschloss sie abzunehmen. Zunächst war alles noch harmlos. „Ich war so stolz, als ich die ersten Kilos abgenommen hatte“, ein kurzes Lächeln kommt über ihre Lippen. Die Hosen wurden weiter und Komplimente flogen ihr zu. Die Komplimente ihrer Mitschüler spornten sie erst richtig an. Dann ging alles ganz schnell. Das damals 16-jährige Mädchen verlor die Kontrolle über seinen Körper und Geist. Pia sagt, dass stattdessen eine zweite Stimme in ihr Gewissen trat und ihre Sinne beherrschte. „Das darfst du nicht! Du bist nicht dünn genug! Du willst doch schön und dünn sein wie die anderen! Du willst es“. Tag für Tag der Gang auf die Waage, immer morgens nach dem Aufstehen. Dann ist man am leichtesten. Alles, was zählt, sind Zahlen, an denen sie sich orientieren kann. Jeden Tag führt sie Buch über ihre Mahlzeiten und ihr Gewicht.  Die Kalorienangaben der meisten Produkte haben sich schon in ihren Kopf gebrannt. Am meisten freut sich Pia auf das Frühstück – natürlich nach dem Wiegen. Meistens besteht es aus 200 Gramm Magerquark und einem Apfel. Sie sagt, das Frühstück sei die einzige Mahlzeit, die sie genießen könne. Mittlerweile wiegt Pia nur noch 47 kg bei einer Größe von 1,72 m. Laut BMI (Body-Mass-Index) ist sie mit einem Wert von 15,9 untergewichtig. Zehn oder fünfzehn Kilo mehr würden ihr gut stehen – außerdem hätte sie dann ein gesundes Gewicht. Um das zu erkennen, braucht man allerdings keine BMI-Werte als Richtlinie. Ihr ist es jedoch noch nicht genug. „Wenn ich in den Spiegel schaue, ekel ich mich. Überall ist Fett.“

Die beste Freundin namens Ana

Anorexia nervosa ist der Fachbegriff für Magersucht. Anorexie bedeutet „Appetitverlust“, erst der Zusatz „nervosa“ macht deutlich, was dahintersteckt – die psychischen Ursachen. Doch für Betroffene ist dieses Wort (abgekürzt „Ana“) nicht eine bloße Bezeichnung ihrer Erkrankung, sondern der Name ihrer besten Freundin. Ana hilft ihnen, bei einem Einkauf im Supermarkt einen Bogen um die Süßigkeitenabteilung zu machen oder der Versuchung zu widerstehen, die Kühlschranktür zu öffnen. Ana, ein Name, den sie rufen können, wenn sie Hilfe brauchen.

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Es gibt auch Foren im Internet, in denen Betroffene eine Partnerin finden, mit der sie sich austauschen – über Erfolge oder eben Misserfolge. Diese Foren haben allerdings einen Haken: Es sind keine Plattformen, die dazu da sind, um den Mädchen oder auch Jungs aus ihrer Krankheit zu helfen – im Gegenteil: Betroffene spornen sich dort an, weiter abzunehmen und unterstützen sich gegenseitig dabei. So erzählen sie sich beispielsweise, welche Mahlzeiten sie innerhalb der letzten Tage zu sich genommen oder wie viel Sport sie getrieben haben und schicken sich gegenseitig Bilder ihrer abgemagerten Körper zu. Es gibt unter den Kranken sogar Regeln und Gesetze, die bestimmte Verhaltensweisen verbieten oder auch vorschreiben – wenn man die Regeln nicht einhält, gehört man nicht mehr dazu. In diesen Foren gestalten sich sozusagen virtuelle soziale Kontakte, die im „echten Leben“ für Magersüchtige in dieser Form nicht mehr möglich sind. Es bilden sich Gruppen, in denen sich jedes einzelne Mitglied stark fühlt und alles dafür tun würde, um weiterhin Teil dieser Gemeinschaft zu bleiben. Pia ist seit Kurzem auch dabei. Sie sagt, die anderen Mädchen seien ihre Vorbilder und ermutigten sie weiterzumachen. In diesem Forum fühlt sie sich verstanden und hat die Möglichkeit, mit Menschen zu kommunizieren, die in der gleichen Situation sind. „Ana“ ist ihr Hauptthema, ihre Lebenseinstellung und ihr Gesetz. Bulimie und Magersucht sind also kein vorübergehender Trend, sondern eine schwerwiegende psychische Störung, die in vielen Fällen sogar zum Tod führt. Wie viele Millionen Menschen davon betroffen sind, kann man nicht sagen – die Dunkelziffer ist hoch.

Hilfeschreie ins Nirgendwo

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Pias Familie und Freunde sind ratlos. Egal, was man ihr sagt, es kommt nicht an. Sie hört zwar zu, aber sie nimmt gut gemeinte Worte nicht auf. „Unsere ganze Familie leidet unter ihrer Magersucht und am meisten darunter, dass wir ihr nicht helfen können“, meint Pias Mutter. Sie hat ihrer Tochter vorgeschlagen, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, aber sowas will Pia gar nicht hören. „Ich glaube, ihr ist nicht bewusst, wie sehr sie geliebt wird. Ich habe das Gefühl, versagt zu haben“, der hilflosen Mutter steigen Tränen in die Augen. Pia kann sich niemandem mehr anvertrauen. Auch die Hilfeschreie ihres Körpers ignoriert sie. Wenn man sie genau betrachtet, sieht man Geheimratsecken, ihre langen Haare wirken stumpf und dünn, die Fingernägel sind kurz und brüchig – stellenweise angeknabbert. Sie versteckt ihren Körper unter weiten Klamotten. Nur an den Händen und am Gesicht erkennt man, wie abgemagert Pias Körper ist und wie sehr er nach Nahrung schreit. An ihrem Handgelenk trägt sie ein Armband mit fünf roten Perlen und einem Schmetterlings-Anhänger. Dieses Schmuckstück erinnert sie an ihre Ziele und sie gibt sich dadurch anderen Menschen mit der gleichen Erkrankung zu erkennen, erklärt sie. Dann erzählt Pia von der Zeit, in der sie noch unbeschwert lebte, jeden Tag mit ihren Freunden unterwegs war und Essen ein Teil der Lebensqualität bedeutete. Sie sehnt sich nach dieser Zeit, das merkt man. Jetzt muss sie jeden Tag lügen.

„Nein danke, ich habe schon gegessen.“ 

Wenn sie auf einen Geburtstag oder zum Essen eingeladen ist und sich mal aus dem Haus traut, kann sie es nicht ertragen, vor anderen Menschen zu essen. Sie schämt sich und fühlt sich beobachtet. Außerdem liebt sie das Gefühl, abends hungrig zu Bett zu gehen. Dann liegt sie einfach da, auf einer kernigen Matratze, eingehüllt in eine warme Daunenbettwäsche – sie friert nämlich stets – und schaut einfach an die Decke, um das Gefühl der Leere und des Hungers zu genießen. Irgendwann schläft sie ein. Jedoch nur für wenige Stunden, bis sie der Hunger aus dem Schlaf reißt. Sie sagt, dass sie durchschnittlich vier bis fünf Stunden pro Nacht schläft. Am Tag hält sie sich dann mit Cola light und Kaffee wach – schwarz, ohne Zucker.

Eigentlich weiß Pia ganz genau, dass sie ihrem Körper Schaden zufügt. Aber sie kann es nicht ändern. Die Krankheit zerreißt sie in zwei Teile: Auf der einen Seite steht eine junge Frau, die sich danach sehnt, ihr Leben wieder genießen zu können, und auf der anderen Seite steht „Ana“, die mit ihrem Ehrgeiz und ihrem Kontrollzwang auf Pia einredet. Der Ehrgeiz und Anas Stimme in ihrem Kopf sind stärker. Manchmal, wenn sie einen schlechten Tag hat und eine „Mahlzeit“ oder Heißhungerattacke bereut, rennt sie ins Bad und würgt mit Gewalt das noch nicht verdaute Essen wieder heraus. Gewaltsam, da sie mittlerweile keinen Würgereiz mehr verspürt. Heute hat sie es wieder getan und jetzt fühlt sie sich schlecht, da sie vor geraumer Zeit ihrer Mutter das Versprechen gab, damit aufzuhören. Pia weiß, dass ihr nicht zu helfen ist, wenn sie sich innerlich nicht für einen Kampf gegen die Krankheit bereit erklärt. Sie ist jetzt zwanzig Jahre alt. Seit vier Jahren lebt sie also schon mit täglichen Lügen, Angst und Misstrauen. Sie lebt ein Leben, das niemand nachvollziehen kann, der es nicht am eigenen Leibe erfahren hat, und sie sagt selbst, dass sie diese Erfahrung keinem Menschen wünscht.

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2 Kommentare auf "„Bitte hilf mir, Ana!“ – Pias Leben mit Magersucht"

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Justine
Gast

Eine ergreifende Geschichte die auf jeden Fall gelesen werden sollte!
Danke das du das mit uns geteilt hast!

Liebst
Justine
http://www.justinewynnegacy.de