Negative Gefühle zulassen oder „Positive Vibes only“? Gedanken zu Toxische Positivität

Heute ist einer dieser Tage, an denen ich schon morgens nach dem Aufstehen die Welt mit schlechter Laune hätte niederwalzen können. Denn ich hatte gerade einmal drei Stunden geschlafen, bis mich meine Hüft- und Unterleibschmerzen für den Rest der Nacht auf Trab hielten. Und das, obwohl ich ein anstrengendes Wochenende hinter mir hatte und guten Schlaf mehr als gebraucht hätte. Dementsprechend „erholt“ fühlte ich mich, als mir die Vögel um fünf Uhr morgens vor dem Fenster signalisierten: Die Nacht ist vorbei, der Tag beginnt! YAY!

Ich spürte meinen inneren Kessel schon brodeln. Die Zündschnur war kurz. Doch parallel hörte ich sämtliche Stimmen laut in mir schreien: „Lass negative Gefühle nicht zu! Denk positiv! Du kannst deine Gedanken selbst steuern und umlenken! Du kannst deine Reaktion auf Reize kontrollieren. Glücklich zu sein, ist eine Entscheidung.“ Und so weiter…

Ich wusste, dass diese Stimmen theoretisch recht haben. Ich habe jederzeit die Macht, meine Gedanken zu beeinflussen. Doch ich konnte auch die Reaktion meines Verstandes aufgrund meiner körperlichen Verfassung nachvollziehen. Und so entstand ein innerer Konflikt, der schon in den ersten Minuten des gerade begonnen Tages eine spannende Selbstreflexion in Gang setzte:

Ist es eigentlich okay, auch negative Gefühle zuzulassen trotz einer überzeugten Think-positive-Einstellung? Oder betrüge ich mich dann selbst?

Was sind negative Gefühle?

Ich entschied, erst mal meiner Morgenroutine nachzugehen. Meistens hilft sie mir bei meiner Selbstreflexion und Manifestation der Intention, mit der ich in den Tag starten möchte. Und das brauchte ich heute ganz besonders, um innerlich nicht überzukochen. Dabei kam mir direkt eine grundlegende Frage in den Kopf: Was sind überhaupt negative Gefühle?

Sind Gefühle nicht erstmal komplett neutral? Erst durch die subjektive Beurteilung kategorisieren wir ein Gefühl grob in „negativ“, „positiv“ oder „neutral“ ein. Was für mich ein negatives Gefühl bedeutet, muss es für andere längst nicht sein. Denken wir beispielsweise mal an das Gefühl der Nervosität vor einem Publikum zu reden. Während mich dieses Gefühl innerlich vermutlich absolut stressen würde, empfinden es andere vielleicht als eine Art der Vorfreude. Dementsprechend finde ich es zunächst wichtig festzuhalten, dass Gefühle nicht pauschal in irgendwelche Schubladen gesteckt werden können und allgemein wertneutral sind.

So weit, so gut.

Wohin führt es, negative Gefühle andauernd zu verdrängen?

Wenn nun ein subjektiv empfundenes negatives Gefühl entsteht, was dann? Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich generell eine Verfechterin der positiven Denkeinstellung bin. Doch heute ist mir erstmals eine Gefahr an dieser ganzen „Think positive“-Bewegung aufgefallen: dass sie dazu verleiten kann, (zwanghaft) gewisse Gefühle zu verdrängen bzw. nicht mehr zuzulassen. Und das ist meiner Meinung nach fatal. Denn was passiert, wenn ich mir dauerhaft jedes aufkommende negative Gefühl „verbiete“ und stattdessen permanent nach der positiven Kehrseite suche, um es auszuhebeln?

Mir fallen einige Antworten ein.

Zum Beispiel, dass ich mich schuldig und schwach fühle, wenn ich ein „negatives“ Gefühl mal nicht „eben so“ ausradiert bekomme. Dass ich einen Teil meiner Gefühlswelt als „falsch“ erachte und mir so selbst die Chance nehme, aus negativen Gefühlen zu lernen und mich weiterzuentwickeln. Doch vor allem verlerne ich, mit gewissen Gefühlen umzugehen, die aber nun mal zum Leben dazu gehören. Zum Beispiel Trauer und seelischer Schmerz wegen des Verlusts eines geliebten Menschen oder Lebewesens.

Die meisten von uns verbinden damit bestimmt zunächst eher kein positives Gefühl. Aber hat es deswegen keine Existenz-Berechtigung? Ich denke doch. Und ich gehe noch einen Schritt weiter und sage: Es ist sogar wichtig, dass es diese Gefühle gibt. Denn die Mischung macht die Achterbahn doch aus, die sich „Leben“ nennt. Und jedes Gefühl, das wir erleben ist im Grunde eine wertvolle Information, die uns ein Stück weit mehr mit unserem Inneren in Verbindung bringt – sofern wir uns mit dieser Information beschäftigen, anstatt sie zu verdrängen.

Das bedeutet eine positive Denkeinstellung für mich wirklich!

Betrüge ich mich nun selbst, wenn ich einerseits von einer positiven Denkeinstellung überzeugt und andererseits der Meinung bin, dass es wichtig ist, auch „negativen“ Gefühlen Raum zu geben und sie bewusst zu spüren? Ich glaube, diese beiden Aspekte schließen sich nicht aus. Und sie widersprechen sich auch nicht. Denn wir sollten an dieser Stelle etwas Wichtiges differenzieren:

Wenn ich von einer positiven Denkeinstellung rede, dann geht es mir im Kern um das Bewusstsein über die eigene Gedankenkraft. Und darum, so reflektiert zu sein, dass ich negative Gedankenspiralen selbst erkenne und mich bestenfalls eigenmächtig wieder herauswinden kann. Bei diesen negativen Gedankenspiralen geht es insbesondere um wiederkehrende Muster, die beispielsweise…

  • immer wieder um ein- und dasselbe Problem kreisen, ohne einen konkreten Lösungsansatz zu verfolgen
  • und somit selbstzerstörerischer und -verletzender Natur sind
  • oder mentalen wie auch körperlichen Stress auslösen aufgrund irrelevanter oder nicht-existierender Umstände, die sich der Kopf nur einbildet.

„Negative“ Gefühle und Nonsense-Gedankenspiralen müssen wir differenzieren

Genau an diesem Punkt finde ich es wichtig, eine Grenze zu „negativen“ Gefühlen zu ziehen, die grundlegend eine Existenzberechtigung haben. Welche konkreten Gefühle berechtigt sind und welche nicht – auch das ist natürlich subjektiv und ein spannendes Thema für ein philosophisches Gespräch. Es geht mir hier erst mal nur darum, den Unterschied zu Nonsense-Gedankenspiralen aufzuzeigen, bei denen meiner Meinung nach die „Think positive“-Einstellung durchaus sinn- und wertvoll ist.

Eine positive Denkeinstellung bedeutet für mich also nicht, IMMER und in JEDER Situation ausschließlich auf positive Gefühle aus zu sein – und sich teilweise zur Positivität zu zwingen. In meinen Augen bedeutet es vielmehr, achtsam und selbstreflektiert zu sein. Und das impliziert auch, subjektiv empfundene „negative“ Gefühle als Information zu deuten, sie wahrzunehmen, zu interpretieren und ihren Auslöser ausfindig zu machen, um sie zu verstehen. Denn Verdrängung führt letztlich nur zu einer unbewussten Verstärkung nicht verarbeiteter Gefühle.

Wann positives Denken in toxische Positivität kippt

Die „Think positive“-Einstellung wird für mich somit erst zur toxischen Positivität, wenn pauschal gewisse Gefühle verdrängt und verurteilt werden. Ich bin heute morgen an eine körperliche Belastungsgrenze gestoßen, die mich mal nicht mit einer Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung in den Tag hat starten lassen. Aber bin ich deswegen negativ? Oder falle ich meiner positiven Denkeinstellung in den Rücken? Nein! Dass ich diese Situation so reflektiert betrachte und meinem Gemütszustand Raum und auch eine Berechtigung gegeben habe, ist für mich eine Art der Achtsamkeit.

Es tut gut, sich einzugestehen, dass die (Gefühls-)Welt eben nicht „entweder oder “ ist – entweder positiv oder negativ, entweder Schwarz oder Weiß. Sondern dass unzählige Farben mitmischen. Und ich möchte keine dieser Farben pauschal verteufeln, sondern sie alle bewusst wahrnehmen.

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